Foto: C. Ausserer
Foto: C. Ausserer

„Vermittelt in die Ausbeutung“

Der Export von weiblichen Arbeitskräften aus den Philippinen

Immer mehr Frauen verlassen die Philippinen, um im Ausland zu arbeiten. Meistens werden sie von Jobagenturen als Haus­angestellte in die reichen Staaten des Nahen Ostens vermittelt. Dort sind Arbeiterinnen häufig Opfer von Gewalt und Ausbeutung und haben kaum Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Den wenigsten ge­lingt es, juristisch gegen die Arbeitgeber vorzugehen. Jean aus Manila hat es geschafft.

VON CAROLINE AUSSERER (TEXT UND FOTOS)

Wendig und mit kleinen Schritten bahnt sich Jean einen Weg durch die menschenüberfüllten Gassen. Der Weg führt an Marktständen vorbei, unter Lauben mit kleinen Geschäften hindurch, über einen Platz, an dem sich Fahrradtaxis reihen. Die Fahrer sitzen in Grüppchen auf Holzkisten zusammen und spielen Karten. An der Ecke steigt Rauch auf, ein kleiner Junge verkauft gegrillte Regenwürmer am Spieß. Die zierliche Frau biegt sicheren Schritts in eine gerade Gasse, die von kleinen Holzbaracken und einfachen Ziegelhäusern gesäumt ist. Zahlreiche Bewohner sitzen davor, einige essen, andere spielen Schach oder unterhalten sich mit den Nachbarn. Kinder laufen lärmend herum und lassen weiße Nylon­säcke wie Drachen steigen. Wir sind in Tondo, einem Armenviertel Manilas.

Dann verschwindet Jean in einem engen, dunk­len Gang, der zu einem kleinen Innenhof führt. Über dem nassen Betonboden hängt Wäsche. Vor der Holztür einer einfachen zweistöckigen Ziegelhütte streift sie sorgfältig die gelben Plastikschlappen ab. Seit sie wieder zurück aus dem Nahen Osten ist, wohnt die junge Frau hier, gemeinsam mit ihrer Schwester und deren beiden Töchtern. Das ist nun drei Jahre her. Zuvor hat sie als Hausangestellte gelebt; fünf Jahre in Saudi-Arabien, dann in Dubai.

»Ich war gerade in Dubai angekommen, als ich am dritten Tag in Probleme geriet … « Jean senkt ihren Blick, und ihre Stimme wird dünn. Sie könne das nicht laut erzählen, die Kinder wissen nichts davon, und die Nachbarn sollen es auch nicht erfahren. Sie steht auf und schließt die obere Klappe der Tür mit Nachdruck, bevor sie sich wieder auf den Plastiksessel am Küchentisch fallen lässt. Es ist heiß, sie wischt sich mit dem Handrücken über das Gesicht.

Sie holt tief Luft und flüstert beinahe lautlos: »Ich wurde vergewaltigt.« Leise und zunächst stockend ruft sie die Details dieses Nachmittags im April 2005 in Erinnerung: Der Bruder ihres neuen Arbeitgebers sei vorbeigekommen, als sie allein zu Hause war. Sie sei gerade in der Küche tätig gewesen, als der Besucher sie gebeten habe, ihn beim Glühbirnenauswechseln an den Beinen zu stützen. »Ich fand die Bitte ungewöhnlich, denn Frauen dürfen Männer im Nahen Osten nor­malerweise nicht berühren«, erzählt Jean. Doch war es auch undenkbar, sich einem Befehl eines Mannes zu widersetzen. So habe sie ihn sacht be­rührt, doch er habe sie aufgefordert, die Hände höher zu legen. »Und ich wusste, dass Männer unter traditionellen Kleidern nichts anhaben.« Sie weigerte sich. Dies habe ihn wütend gemacht. »Er zwang mich auf den Boden, indem er meinen Kopf packte und nach unten drückte.« Ihre Stimme schwankt: »Da ist es geschehen.«

Jean ist eine der zahlreichen Hausangestellten, denen Gewalt widerfahren ist, und damit ist sie keine Ausnahme. Einer Studie von Human Rights Watch vom Juli 2008 zufolge werden Haus­angestellte besonders häufig Opfer von schweren Misshandlungen. Im Bericht »As If I Am Not Human: Abuses against Asian Domestic Workers in Saudi Arabia« heißt es zum Beispiel, dass Arbeitgeber meist nicht bestraft werden, wenn sie ihre Angestellten misshandeln, ihnen monate- oder jahrelang keine Löhne zahlen, sie einsperren, ihnen gegenüber gewalttätig werden oder sie sexuell missbrauchen. Einige Hausangestellte werden verhaftet oder zu Peitschenstrafen verurteilt, nachdem sie zu Unrecht von ihren Arbeitgebern des Diebstahls, des Ehebruchs oder der »Hexerei« bezichtigt worden sind.

Auch Jean wurde in eine Falle gelockt. Nach »dem Vorfall« konnte sie sich zuerst in die phi­lippinische Botschaft und dann ins Polo-Owwa-Zentrum (Philippine Overseas Labour Office – Overseas Workers Welfare Administration) retten. Dort erhalten philippinische Staatsbürger Hilfe, die in Schwierigkeiten geraten. Jean blieb sechs Monate dort und erhielt die Erlaubnis, Teil­zeit zu arbeiten, während ihr Fall untersucht wurde.

Eines Tages wurde sie in die Agentur gerufen. Ihr ehemaliger Arbeitgeber wolle einlenken, hieß es. Als sie dort ankam, wurde sie aber von der Polizei festgenommen und in ein Gefängnis gesteckt. »Sie zogen mir die Kleider aus, und ich musste stundenlang auf einem großen Eisblock sitzen.« Nach 15 Tagen wurde sie aufgrund des Drucks einer Organisation für die Rechte von ­Migranten freigelassen. Bald darauf kehrte Jean nach Manila zurück. Die Folgen der Folter im Gefängnis haben Spuren hinterlassen: »Ich konnte nicht schlafen, war total apathisch und stand noch unter Schock.« Bereits in Dubai erhielt sie psychologische Betreuung. Mit Hilfe ihrer Schwes­ter und den Ratschlägen der NGO ging es ihr allmählich besser. »Es muss irgendwie weitergehen. Schließlich ist es ja schon passiert, und niemand kann es mehr ungeschehen machen.«

Irene Fernandez, Leiterin der malaysischen Organisation Tenaganita, die sich für die Rechte der Ärmsten einsetzt und dafür den Rights-Liveli­hood-Preis, eine Art alternativen Nobelpreis, gewonnen hat, betont das besondere Schutzbedürf­nis von Migrantinnen: »Wir sind insbesondere um Hausangestellte besorgt, weil viele von ihnen nicht einmal einen freien Tag haben, durch ihre Arbeitssituation bleiben sie isoliert und ohne Kontakt zur Außenwelt. Das erhöht ihre Verletzlichkeit.« Bereits 1995 hat Fernandez eine Studie über die physische und sexuelle Ausbeutung von Migrantinnen in Malaysia veröffentlicht. Schlech­te Ernährung, Folter und sexuelle Ausbeutung standen auf der Liste ganz oben. Es war das Ergeb­nis von Interviews mit insgesamt 300 Migrantinnen. Dafür wurde sie von der malaysischen Re­gierung wegen »Verbreitung falscher Informa­tionen« zu einem Jahr Haft verurteilt. Gegen eine Kaution wurde sie auf Bewährung freigelassen und ging in Berufung. Zurzeit läuft das Gerichtsverfahren noch.

»Etwa 80 Prozent der Migrantinnen arbeiten als Hausangestellte. Insbesondere in der arabischen Welt sind viele Rechtsverletzungen zu be­obachten«, erzählt Fernandez. Auch wenn die Arbeiterinnen einen Vertrag haben, seien sie dadurch nicht vor Übergriffen geschützt. »Dazu kommt, dass sie häufig sogar wegen Ehebruch angeklagt werden. Dann wird es erst recht problematisch.« Daher fordert ihre Organisation spe­zielle Beratungszentren mit Rechtsbeistand, damit die Frauen auch juristisch unterstützt werden können.
Auch Eni Lestari von der Internationalen Mi­gran­ten-Allianz, selbst vormals Hausangestellte, betont die Notwendigkeit, insbesondere Migrantinnen zu schützen. »Ein großes Problem ist, dass Hausarbeit oft immer noch nicht als Arbeit angesehen wird. Wir werden als Sklaven gesehen, die kein Recht darauf haben, sich auszuruhen, ein Kind zu bekommen oder sich im Land nieder­zulassen. Daher brauchen wir einen speziellen Schutz, denn wir sind besonders gefährdet, recht­los zu bleiben und ausgebeutet zu werden.«

Der spezielle Schutzbedarf für Migrantinnen wurde auch von der Internationalen Arbeitsorga­nisation Ilo aufgegriffen. Nach Angaben der Ilo gibt es über 100 Millionen Hausangestellte weltweit, die Nachfrage ist steigend. Eine spezielle Konvention zum Schutz der Haushaltshilfen soll auf der 99. Sitzung der Internationalen Arbeitskonferenz im Jahr 2010 Thema sein.

Jean ist eine von einer Million philippinischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern, die jährlich ihr Land verlassen. Die Regierung hat ein offizielles Programm zum Export von Arbeitskräften ins Leben gerufen, worauf sie besonders stolz ist, wie Star Lajom Roman von der Abteilung für Migrationsfragen betont: »Die Philippinen gelten als einer der Weltmarktführer, was den Export von Arbeitskräften angeht. Ich denke, wir stehen an vierter Stelle, wenn es um das Geld geht, das im Ausland arbeitende Migranten nach Hause schicken. Zurzeit sind es über acht Millionen Philippiner, die in 190 Ländern arbeiten.«

Vertreter von NGO kritisieren den Export von Arbeitskräften und werfen der Regierung vor, mehr an dem Geld der Migranten interessiert zu sein als am Schutz ihrer Rechte. Die Geldsen­dungen aus dem Ausland gelten als zweitgrößte Einnahmequelle des philippinischen Staats. Carmelita Nuqui vom Netzwerk Entwicklungsaktion für Frauen in Manila fordert die Regierung auf, ernsthaft etwas zu unternehmen, um die Arbeitsmöglichkeiten an Ort und Stelle zu verbessern. »Das wäre wichtig, damit die Menschen auch eine Chance haben, hier zu bleiben, und nicht nur in Call Centern arbeiten müssen.«

Auch Ellene Sana, Direktorin des Lobby-Zentrums für Migranten, kritisiert die Regierung: »Sie will Menschen wegschicken. Als die Finanzkrise ausbrach und die ersten Philippiner in Amerika ihre Arbeit verloren, sagte die Regierung nur, sie werde schon neue Arbeit für sie Übersee finden. Sie kümmert sich auch nicht um deren Rechte, sie will sie nur wegschicken.« Die Regierungsvertreterin Star Lajom wiederum weist diesen Vor­wurf von sich: »Die Regierung schickt nicht einfach die Philippiner weg. Das ist nicht unsere Absicht. Wir versuchen nur, dass diejenigen, die gehen wollen, Rechte und Schutz bekommen. Wir können sie nicht daran hindern, wegzugehen.«

Dass immer mehr Frauen emigrieren, ist mitt­lerweile nicht nur auf den Philippinen eine Rea­lität, sondern weltweit. »Historisch gesehen, waren es immer Männer, die auswanderten, doch nun ergreifen immer mehr Frauen die Initiative«, bestätigt Malu Padilla von Babaylan, dem Netzwerk von Philippinern in Europa, die so genannte Feminisierung der Migration. Derzeit seien etwa 75 Prozent aller Migrierenden Frauen. »Auch in Europa gibt es eine Nachfrage nach Haushaltsangestellten. Dies ist eine indirekte Folge der feministischen Bewegung, die Frauen auffordert, den privaten Bereich zu verlassen und berufstätig zu sein. Dadurch brauchen diese wiederum Hilfe im Haushalt und mit den Kindern.«

Pablo Ceriani Cernadas vom argentinischen Forschungszentrum CELS zufolge werden dadurch jedoch klassische Rollenmodelle gefestigt: »Immer mehr Frauen emigrieren. Dabei werden oft traditionelle Rollenmodelle verstärkt. So sind Migrantinnen vor allem in als typisch weiblich geltenden Berufen wie Hausangestellte oder Kinderbetreuerin tätig. Und diese stellen die schutzlosesten und prekärsten Arbeiten dar.«

Jedes Jahr organisiert die philippinische Regierung Job-Messen, auf denen auch die vielen Agen­turen sich präsentieren, die für Interessierte eine Arbeit im Ausland organisieren. Die Agentur FMW Human Resources International zum Beispiel hat seit 1998 etwa 1 000 Arbeiter in den Nahen Osten vermittelt, mit dabei auch Haushaltshilfen. »Unser Fokus liegt auf ausgebildeten Arbeitern wie Managern, nicht auf Hausangestellten. Denn wir Gründer haben alle in Saudi-Arabien gelebt und viele Haushaltshilfen gesehen, die misshandelt wurden. Damit wollen wir nichts zu tun haben«, weist Jene A. Canlas, Vizepräsident und Finanzmanager der Agentur, jeden Verdacht sofort von sich.

Stolz brüstet er sich, dass sie eine einzigartige Agentur seien, denn sie verlangen »keinen Centavo« vom Arbeiter. Üblicherweise muss eine hohe Vermittlungsgebühr bezahlt werden. »Wir wissen vom harten Schicksal von Migranten, da wir selbst ausgewandert sind. Daher bezahlen bei uns allein die Arbeitgeber, etwa 400 bis 500 Dollar pro Arbeiter sowie dessen Flugschein und Visum. Der Antragsteller bezahlt allein für seinen Pass und die Krankenversicherung.«

Jean glaubt das nicht: »Die sagen das nur, das ist das Protokoll. Aber wenn du wirklich dort ansuchst, musst du 40 000 Pesos (etwa 650 Euro) zahlen, damit sie einen Arbeitgeber für dich finden. Und dann weitere 40 000, wenn du das Visum erhältst.« All das ohne Empfangsbestätigung – nur um in das blaue Buch aufgenommen zu werden.

Jean ist eine von vielen missbrauchten Hausangestellten, doch eine der wenigen, die auch einen Prozess gegen den Übeltäter angestrengt hat. »Ohne die Hilfe der Organisation für die Rech­te der Migranten hätte ich es nie geschafft«, betont die zierliche Frau. Sie gewann den Prozess und ist stolz darauf, denn »das bedeutet, dass nicht alle arabischen Männer Macht haben, nur weil sie Geld haben«.

Es war nicht einfach, ihn in der Polizeistation wieder zu erkennen. »Er stand dort sauber rasiert, zusammen mit weiteren fünf Männern, die sich alle sehr ähnlich sahen. Doch ich erkannte ihn wie­der, denn er hatte die Zehennägel eckig geschnitten.« Daran erinnere sie sich genau, denn »als er meinen Kopf runterdrückte, schaute ich auf seine Füße. Und die Polizisten sagten, wo schaust du denn hin, schau in das Gesicht! Aber ich sagte nichts und zeigte immer wieder auf ihn.« So wurde der Vergewaltiger schließlich zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Jean träumt nun von einem eigenen kleinen Unternehmen. Derzeit verkauft sie in ihrem Viertel selbst gemachte Erdnussbutter, Süßigkeiten und gelbe Plastiksoldaten. Alles sorgfältig in durch­sichtige Plastikhüllen verpackt. »Ein Peso nur. Wenn ich 60 verkaufe, habe ich 30 Pesos verdient«, rechnet sie vor und fächelt sich mit einem verpackten Soldaten Luft zu. Er hat ein angelegtes Gewehr in den Händen.
Sie könne sich sogar wieder vorstellen, als Hausangestellte im Ausland zu arbeiten. »Aber nicht mehr in einem arabischen Land.« Das will sie hinter sich lassen. Das neue Ziel heißt Zypern. Denn dort, so habe man ihr erzählt, sei es ganz anders als im Nahen Osten. Das Geld dafür hat sie nicht, und sie hat der Agentur vorgeschlagen, es von ihrem zukünftigen Gehalt abzuziehen. Doch diese ist damit nicht einverstanden. Jean steht auf und öffnet die Tür. Es ist stickig und heiß in der kleine Küche in Tondo. Sie ruft etwas auf Tagalog zu ihren Nichten in den Innenhof. Mit einem schiefen Lächeln dreht sie sich um und sagt leise: »Wer weiß, ob das klappt. Mög­licherweise habe ich diesmal kein Glück … « ­Dabei schweift ihr Blick in die Ferne.

(Jungle World Nr. 47, 20. November 2008)